Fachwortschatz für Einkauf und Konstruktion

Spritzguss verstehen, ohne an Begriffen zu scheitern.

Was unterscheidet Anguss und Anschnitt? Warum ist Nachdruck nicht einfach «mehr Druck»? Und weshalb ist eine enge Toleranz noch kein Qualitätsmerkmal? Dieses Glossar erklärt 30 Begriffe aus dem Kunststoffspritzguss – jeweils technisch und als konkrete Bedeutung für Ihr Projekt.

Leseprinzip

Fachsprache ist nützlich, wenn sie Entscheidungen präziser macht. Sie wird problematisch, wenn dieselben Wörter in Angebot, Zeichnung und Qualitätsgespräch etwas anderes bedeuten. Deshalb ordnet dieses Glossar Begriffe entlang des Projektflusses: vom Material über Maschine und Werkzeug bis zu Prozess und Freigabe.

Die Definition beantwortet «Was ist das?». Die Randnotiz beantwortet «Was muss ich deshalb klären?». So wird aus Vokabular ein Arbeitsmittel für belastbare Anfragen und vergleichbare Offerten.

Grundregel: Ein verwendeter Begriff ersetzt keine Spezifikation. «Technischer Kunststoff», «Hochglanz» oder «enge Toleranz» werden erst prüfbar, wenn Type, Referenz, Messbedingung und Akzeptanzkriterium feststehen.
M
Kapitel 01

Material und Zustand

Compound

Aufbereitete Kunststoffrezeptur aus Polymer und gezielt zugesetzten Bestandteilen, etwa Verstärkung, Stabilisator oder Pigment.

Projektfrage: Handelsname, Typencode, Hersteller und zulässige Alternative dokumentieren.

Granulat

Rieselfähige Lieferform vieler Kunststoffe. Es wird der Spritzgussmaschine über Materialversorgung und Trichter zugeführt.

Projektfrage: Chargenführung, Lagerung, Verwechslungsschutz und Rückverfolgbarkeit klären.

Trocknung

Materialvorbereitung, bei der Feuchtigkeit nach Vorgabe der konkreten Type reduziert wird. Nicht jeder Kunststoff benötigt dieselbe Behandlung.

Projektfrage: Welche Trocknungs- und Handhabungsvorgaben gelten, und wie werden sie überwacht?

Rezyklat

Kunststoffmaterial, das aus aufbereiteten Produktions- oder Gebrauchskreisläufen stammt. Herkunft und Eigenschaftsstreuung können variieren.

Projektfrage: Anteil, Quelle, Nachweise, Farbe und zulässige Eigenschaftsgrenzen definieren.

Schwindung

Volumen- und Massänderung des Materials beim Abkühlen sowie gegebenenfalls bei späterer Konditionierung.

Projektfrage: Werkstofftype, Fliessrichtung, Geometrie und Messzustand in der Toleranzplanung berücksichtigen.

S
Kapitel 02

Maschine und Materialfluss

Schnecke

Rotierendes und axial bewegliches Element im Zylinder. Es fördert, mischt und dosiert Material und drückt die Schmelze beim Einspritzen ins Werkzeug.

Projektfrage: Maschinen- und Schneckenauslegung müssen zur Materialtype und Schussgrösse passen.

Schussgewicht

Materialmenge, die pro Maschinenzyklus verarbeitet wird – einschliesslich Formteilen und gegebenenfalls Angusssystem.

Projektfrage: Nicht mit dem Nettogewicht eines einzelnen Teils verwechseln.

Schliesskraft

Kraft, mit der die Maschine das Werkzeug während der druckbeaufschlagten Prozessphasen geschlossen hält.

Projektfrage: Projizierte Fläche, Kavitäten und Prozesskonzept beeinflussen die erforderliche Maschinengrösse.

Einspritzgeschwindigkeit

Geschwindigkeit, mit der die Schnecke die Schmelze während der Füllphase in Richtung Kavität fördert.

Projektfrage: Fliessbild, Druckbedarf, Entlüftung und sichtbare Fehler werden gemeinsam beeinflusst.

Rückströmsperre

Bauteil an der Schneckenspitze, das beim Einspritzen den Rückfluss der Schmelze begrenzt.

Projektfrage: Reproduzierbares Dosiervolumen und Verschleisszustand sind für Prozessstabilität relevant.

W
Kapitel 03

Werkzeug und Geometrie

Anguss

Weg, über den die Schmelze von der Maschinendüse bis zu den Anschnitten der Kavitäten geführt wird.

Projektfrage: Materialbedarf, Abtrennung, Wiederverwendung und sichtbare Spuren klären.

Anschnitt

Engerer Übergang vom Angusssystem in die eigentliche Kavität. Position und Ausführung beeinflussen die Formfüllung.

Projektfrage: Spur, Fliessweg, Bindenähte und Nachdruckwirkung mit Sicht- und Funktionsflächen abstimmen.

Trennebene

Bereich, in dem die Werkzeughälften aufeinandertreffen und zur Entformung auseinanderfahren.

Projektfrage: Ihre Lage beeinflusst sichtbare Linien, Gratrisiko und Werkzeugaufbau.

Schieber

Bewegliches Werkzeugelement, das Geometrien quer zur Hauptentformungsrichtung ermöglicht und vor dem Auswerfen zurückfährt.

Projektfrage: Hinterschneidungen können Werkzeugkosten, Wartung und Zyklus beeinflussen.

Entformungsschräge

Gezielte Neigung einer Fläche in Entformungsrichtung, damit sich das erstarrte Teil kontrolliert aus der Form lösen kann.

Projektfrage: Tiefe, Oberfläche, Material und Sichtanforderung bestimmen die notwendige Auslegung.

P
Kapitel 04

Prozess und Zyklus

Nachdruck

Druckphase nach der Füllung. Sie kann Material nachführen, während Schmelze abkühlt und ihr Volumen verändert.

Projektfrage: Wirkung endet praktisch, wenn der Anschnitt ausreichend erstarrt; mehr Druck ist nicht automatisch besser.

Siegelpunkt

Zustand, ab dem der erstarrte Anschnitt kein wirksames Nachführen von Schmelze in die Kavität mehr zulässt.

Projektfrage: Hilft, eine unnötig lange Nachdruckzeit von einer wirksamen Phase zu unterscheiden.

Werkzeugtemperierung

Kontrollierte Wärmeführung im Werkzeug durch Temperierkanäle und ein geeignetes Temperiermedium.

Projektfrage: Gleichmässigkeit beeinflusst Zyklus, Oberfläche, Schwindung und Verzug.

Kühlzeit

Zeitanteil, in dem das Bauteil im Werkzeug genügend Wärme abgibt, um stabil entformt werden zu können.

Projektfrage: Wandstärken und lokale Materialanhäufungen sind oft entscheidende Hebel.

Zykluszeit

Zeit für eine vollständige Wiederholung aus Schliessen, Füllen, Nachdruck, Kühlen, Öffnen und Entnahme sowie notwendigen Nebenbewegungen.

Projektfrage: Beeinflusst Ausbringung und Stückkosten, darf aber nicht isoliert von Qualität optimiert werden.

Q
Kapitel 05

Bauteil, Qualität und Freigabe

Bindenaht

Bereich, in dem getrennte Schmelzefronten zusammentreffen und sich wieder verbinden.

Projektfrage: Lage und Belastung bewerten; sie kann optisch oder mechanisch relevant sein.

Einfallstelle

Lokale Vertiefung der Oberfläche, häufig im Zusammenhang mit Materialanhäufung und ungleichmässiger Abkühlung.

Projektfrage: Rippen, Dome, Wandübergänge, Anschnitt und Nachdruck gemeinsam prüfen.

Verzug

Formabweichung, die durch ungleichmässige Schwindung, Orientierung, Geometrie oder thermische Bedingungen entstehen kann.

Projektfrage: Messaufspannung und Bezugslogik festlegen, bevor über Gut oder Schlecht entschieden wird.

Grat

Unerwünscht dünner Materialüberschuss, der etwa an Trennebene, Schiebern oder Auswerfern auftreten kann.

Projektfrage: Zulässige Bereiche und Grenzmuster definieren; Ursache kann Werkzeug oder Prozess sein.

Erstbemusterung

Dokumentierte Bewertung erster seriennah hergestellter Teile gegen vereinbarte Masse, Material-, Oberflächen- und Funktionsanforderungen.

Projektfrage: Musterstatus, Messumfang, Dokumente und Freigaberegeln vorab vereinbaren.

Für den Einkauf

Wenn der Fachbegriff im Angebot steht

Mehrkavitätenwerkzeug
Nach Balancierung, Kavitätenkennzeichnung und kavitätsspezifischer Prüfung fragen.
Heisskanal
Investition, Materialwechsel, Wartung und Restanguss gegen den Nutzen abwägen.
Werkzeugkorrektur
Anlass, Umfang, Kosten, Termin und erneute Bemusterung dokumentieren.
Prozessfreigabe
Freigegebenen Zustand, Parametergrenzen, Material und Nachweise eindeutig festhalten.
TCO
Werkzeug, Teile, Prüfung, Ausschuss, Logistik, Wartung und Änderungsrisiken gemeinsam vergleichen.
Prüfplan
Merkmal, Methode, Häufigkeit, Stichprobe, Verantwortlichkeit und Reaktion bei Abweichung definieren.

Vertiefende Terminologie und Verfahrensübersichten bietet das Fachlexikon des Schweizer Branchenverbands.

Kunststoff.swiss Fachlexikon