Unser Bildungssystem besteht aus Teilsystemen auf allen Stufen. Nur mit optimalen Übergängen kann das Gesamtsystem optimale Wirkung entfalten. Hier ist noch viel Potenzial.
Die Übergänge und Schnittstellen im Bildungssystem sind seit einigen Jahren im Gespräch: Die Basis- oder Grundstufe soll einen fliessenderen Übergang vom Kindergarten in die Schule ermöglichen. Die Übergänge von der Primarstufe zur Sekundarstufe I werden mit der Harmos-Vereinbarung inhaltlich wie organisatorisch vereinheitlicht. Für den Übergang von der Sek I zur Sek II sind Projekte des BBT (Casemanagement) und der EDK (Nahtstelle-Transition) am Laufen. Die Reform des Gymnasialunterrichts soll mit Hilfe von selbstgesteuerten Lernformen und einem höheren Gewicht der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer angemessen auf die Anforderungen der Universität vorbereiten und die Dropout- und Studienwechselraten senken. Dies wird zusätzliche Massnahmen auf Universitätsebene erfordern.
Das Forum Bildung möchte die stufenübergreifenden Nahtstellen zusammenhängend thematisieren und folgende Fragen vertiefen:
Die in der Erprobung sich befindenden Modelle der Basis- und Grundstufe zeigen erste positive Resultate, die Finanzierung ist aber umstritten und teilweise ungelöst. Es fehlt an den Freiräumen, Wirkungsmessung und übergeordneter Unterstützung, was Schulen verunsichert und demotiviert. Hier ist weitere Entwicklungsarbeit gefragt.
Der Übergang von der Sek I in die Sek II wird in mehreren Ländern durch ein Ausbildungsobligatorium bis zur Volljährigkeit mit 18 gelöst. Damit können frühes und teures Abhängen in die Sozialversicherungen und in die Fürsorge unterbunden werden, wie dies in der Schweiz momentan der Fall ist. Die Kosten für das soziale Netz sind höher als für die Finanzierung von Ausbildungsplätzen. Die Familie würde so zuständig bleiben für den Tagesunterhalt bis 18. Mutige Lösungen und richtige Anreize anstelle von schwierigem Flickwerk sind hier angesagt.
Die Sekundarstufe II mit dem traditionellen Berufsschulsystem ist herausgefordert, sich frühzeitig mit den sich anbahnenden Veränderungen zu befassen: Die traditionelle Lehre ist im lokal verankerten Gewerbe unbestritten. In vielen anderen Berufen und Unternehmen (u.a. moderne Technologien, Gesundheit) wird die Situation spürbar schwieriger. Internationale Unternehmen setzen auf Praktikant/innen und Absolvent/innen von Fachmittelschulen oder Gymnasien. Auf der Sekundarstufe II sind vorausschauende, flexible Modelle mit fliessenden Übergängen in die Berufswelt und stärkerer Orientierung an Berufsfeldern gefragt, wie sie in anderen Ländern teilweise bereits in Entwicklung sind. Die Sekundarstufe I wird sich klarer mit dem Dilemma von Orientierungsphase versus vorbereitendes Lernen für Aufnahmeprüfungen auseinandersetzen müssen. Der heutige Spagat ist mit den bisherigen Unterrichtskonzepten kaum zu leisten, stärker individualisierende Modelle müssen entwickelt werden.
Es fehlt nicht an der Kritik der Gymnasialausbildung: zu wenig Mathematik und Naturwissenschaften, ungenügende Vorbereitung auf die Lernformen der Universität und hohe Dropout- und Studienwechselraten an der Universität sind die Problemfelder. Ein erster Lösungsversuch ist mit der Teilrevision der Maturitätsverordnung erfolgt. Optimierungsbedarf besteht auch beim Übergang zwischen Berufsmaturitäts- und Fachhochschulen: Die Übertrittsquoten vor allem bei technischen Berufen sind zu gering. Gymnasien sollten zusammen mit den Hochschulen fachliche Anforderungsprofile entwickeln, damit Schulen und Studierende erkennen können, welches Wissen an den Universitäten vorausgesetzt wird. Die bestehenden Maturitätsprofile sind auch aus Kostengründen zu überprüfen, weil zu viele Wahlmöglichkeiten im traditionellen Klassensystem teilweise unverhältnismässige Kosten auslösen. Denkbar wären auch Lernkonzepte mit mehr selbstständigen Lernanteilen oder Kooperationen anstatt die Beschulung von zu kleinen Kursgruppen. Solche Aspekte werden im Rahmen der bevorstehenden Evaluation der geltenden Maturitätsordnung zu prüfen sein.
Die High School-Modelle der nordischen Länder führen über die sorgfältige Vorbereitung für den Eintritt in eine bestimmte Hochschule zu einer bewussteren Studienwahl und allgemein niedrigeren Dropoutraten. Denkbar ist längerfristig ein Parallelismus beider Modelle, womit gleichzeitig die Durchlässigkeit in die Tertiärausbildung zwischen Universitäten und Fachhochschulen erhöht werden könnte. Der heutige faktische Zustand nach der Bologna Reform, wonach das «gewonnene Jahr» der Maturitätsdauerverkürzung als „Selektionsjahr“ der Universität verwendet wird, kann kaum eine zielkonforme Dauerlösung sein.
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27. März 2012
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