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Newsletter 7 / Januar 2011

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Themenübersicht

EDITORIAL

Es ist uns auch 2011 ein Anliegen, wichtige Fragen zum Thema Bildung zur Diskussion zu stellen. Jede Fragestellung kann unterschiedlich betrachtet und beantwortet werden. Wer verschiedene Sichtweisen kennt und entsprechende Antworten hört, hat bessere Argumente, sich eine eigene Meinung zu bilden sowie diese zu vertreten.

Bildungspolitische Diskussionen münden oft in eine finanzpolitische Diskussion. Die Bildung ist ein wesentlicher Faktor bei den Investitionen und den Ausgaben der öffentlichen Hand. Leider wird die Ertragsseite der Bildung kaum dargestellt. Doch sehr viele ahnen, wie sehr sich Bildungsaufwendungen bezahlt machen. Eine gute Bildung führt meist zu einem besseren Einkommen. Dies bewirkt höhere steuerliche Abgaben, höheren Konsum, höhere Beiträge in die Sozialversicherungen etc.. Ausserdem ist Bildung die wirksamste Massnahme gegen Arbeitslosigkeit und ein weitgehender Schutz vor Armut. Dadurch werden Ausgaben in diesen Bereichen reduziert. Eine gute Bildung stärkt unsere Demokratie, die Gesellschaft, jedes einzelne Individuum. Die Bildung muss die nächsten Generationen befähigen, Lösungen für die wirklich grossen Fragestellungen unserer Zeit und der Zukunft zu finden.

Unsere Bildung muss sich so entwickeln, dass a l l e Kinder und Jugendlichen eine möglichst hohe Lebenschance in der heutigen, komplexen Gesellschaft finden. Am 15. Oktober 2010 haben sich in Winterthur vier anerkannte Bildungsökonomen an der Tagung «Wie viel ist uns Bildung wert?» getroffen. Im Rahmen von Referaten und einer Diskussion haben sie sich zu den grossen Zusammenhängen und einzelnen Teilaspekten geäussert. Die im Titel gestellte Frage ist nicht einfach zu beantworten.

Rainer Huber, Geschäftsführer

 

Engagement für das Forum Bildung

Prof. Dr. oec. Rolf Dubs, Beirat Forum Bildung

An dieser Stelle bringen wir Ihnen einzelne Persönlichkeiten näher, die sich in unserem Vorstand oder Beirat für die Anliegen der Bildung engagieren.

Prof. Dr. oec. Rolf Dubs, Jg. 1935, hat als Rektor der HSG 1990 in einem Interview in der Studentenzeitschrift «Prisma» dargestellt, dass er nach seiner Pensionierung im Jahr 2000 radikal Schluss mit der Arbeit machen werde. Das Forum Bildung, für welches Rolf Dubs sich im Beirat engagiert, ist glücklich, dass er sich anders entschieden hat. Seine immense Erfahrung und das ausgeprägte Bemühen, Theorie und Praxis zu vereinigen, setzt er weiterhin grosszügig für verschiedene Anliegen ein. Er studierte an der Hochschule St. Gallen für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. 1960 schloss er als dipl. Handelslehrer ab und erlangte 1965 das Doktorat in Wirtschaftswissenschaften. Seit 1954 arbeitete er an verschiedenen Mittelschulen, bevor er 1962 als Hauptlehrer an die Kantonsschule St. Gallen gewählt wurde. 1969 nahm er eine Lehrtätigkeit als a.o. Professor für Wirtschaftspädagogik an der HSG auf, wo er von 1971 bis 2000 als ordentlicher Professor tätig war. Zusätzliche Aufgaben waren für ihn die Leitung des Instituts für Wirtschaftspädagogik während 28 Jahren und seine Zeit als Prorektor und Rektor (1990 bis 1993).

Vier wichtige und bereichernde Unterbrüche von je 6 bis 12 Monaten Dauer verbrachte er an den Universitäten von Harvard und Stanford sowie an der University of Texas und an der Michigan State University. Immer wieder kam er von diesen Lehr- und Forschungsaufenthalten zurück, um seine Liebe, die Auseinandersetzung mit pädagogischen Problemen, weiterzupflegen.

Ganz besonders liegt ihm die Förderung der wirtschaftlichen Bildung im Unterricht auf der Sekundarstufe II am Herzen. Dazu gehören auch seine Bemühungen zur Verbesserung der Unterrichtsgestaltung mittels guten Lehrerverhaltens und sein Einsatz zur Stärkung der Leitung von teilautonomen Schulen. Unter diesem Aspekt sind seine neusten Publika-tionen wie «Die Führung einer Schule, Leadership und Management», «Lehrerverhalten. Ein Beitrag zur Interaktion zwischen Lehrenden und Lernenden», «Normatives Lernen» und «Bildungspolitik und Schule – wohin?» zu betrachten. Sein nie abbrechendes Interesse an der Schule zeigt sich in diesem unermüdlichen Schaffen.

Seine vorbildliche, durch die militärische Ausbildung geprägte Arbeitstechnik ermöglichte ihm, seine Fähigkeiten auch in anderen Bereichen des öffentlichen Lebens einzubringen. So war er u.a. während 16 Jahren als Kantonsrat, was er als Steckenpferd ohne Karriereabsichten bezeichnet, und längere Zeit als Kommandant einer Festungsbrigade tätig. Nie hat er aufgehört, selbst zu unterrichten und in der Wirtschaft sowie in Entwicklungsländern, so u.a. in Tansania, Indien, Vietnam, als Berater tätig zu sein.

Diese Vielseitigkeit und, damit verbunden, die ständige Suche nach den Herausforderungen durch die Alltagspraxis erweiterten seine Arbeitsbereiche und führten zu einer Vielzahl von nationalen und internationalen Engagements. Stichworte dazu sind Delegierter des Bundesrates für Fachhochschulen, Mitglied der eidg. Maturitätskommission, Präsidium der Kommission für die Finanzierung der Weiterbildung an Hochschulen und Präsident der Arbeitsgruppe für die Erhöhung der Durchlässigkeit. Die vierfache Ehrendoktorwürde (Wien, Budapest, Dresden und Tetovo in Mazedonien) und die Verleihung bedeutender nationaler Preise wie des Wirtschaftsbildungspreises sind Zeichen seiner internationalen und nationalen Anerkennung. Der ständige Praxisbezug wurde unterstrichen durch verschiedene Verwaltungs- und Aufsichtsratsmandate.

RH


Wie viel darf Bildung kosten?

Prof. Dr. Stefan Wolter, Universität Bern

Bildung darf so viel kosten wie sie wert ist. Wie viel ist uns Bildung denn wert? Ein Ökonom würde darauf wiederum antworten: so viel wie sie kostet! Wenn alle Entscheidungen ratio-nal getroffen würden, dann würden wir für Bildung nicht weniger und nicht mehr ausgeben, als sie uns wert ist. Dass wir im Bildungswesen in einer idealen Beziehung zwischen Nutzen und Kosten sind, ist unwahrscheinlich, zumal es ziemlich schwierig ist zu wissen, wie viel Geld wir überhaupt für Bildung ausgeben. Ebenso unwahrscheinlich ist, dass die unterschiedlichen Ausgabenhöhen für die einzelnen Bildungsstufen und -typen rationalen Abwägungen entspringen und nicht einfach die Fortschreibung von historischen Entscheiden darstellen. Schliesslich kommt erschwerend hinzu, dass bei der mehrheitlich durch Steuermittel bezahlten Bildung Nutzen und Kosten nicht bei den gleichen Personen oder Personengruppen anfallen müssen. Wer zahlt, ist nicht gleichzeitig unbedingt der Nutzniesser von Bildung – und umgekehrt.

Muss uns dies alles kümmern? Solange genügend Geld für alle individuellen und gesellschaftlichen Bedürfnisse vorhanden ist oder Bildungsausgaben unbestrittenermassen die erste Finanzierungspriorität darstellten, müssten uns weder die Frage, wie viel uns Bildung wert ist, noch diejenige, wie viel sie uns kostet, kümmern. Wie schnell man aus solch paradiesischen Zuständen vertrieben werden kann, zeigen die im Zeichen der Fiskalkrise in den USA und vielen europäischen Ländern getroffenen Massnahmen, die das Bildungswesen im Mark treffen. Längerfristig kommt – auch in der Schweiz – dazu, dass der Durchschnittswähler aufgrund des demografischen Wandels immer älter wird. Damit könnten Bildungsausgaben in der Präferenzliste durch andere Prioritäten (Sozialversicherungen, Gesundheitswesen etc.) verdrängt werden.

Was kann man tun, damit die Investitionen in das Bildungswesen auch in der Zukunft gesichert werden können? Die individuelle und insbesondere die gesellschaftliche Zahlungsbereitschaft für Bildung ist nur durch vermehrte Transparenz über die Kosten, den Nutzen und den Wirkungsgrad der eingesetzten Mittel zu halten. Transparenz bei den Kosten erlaubt es den Bürger zu entscheiden, ob die Ausgabenhöhe sich angesichts des zu erwartenden Nutzens rechtfertigen lässt. Informationen über den Wirkungsgrad der eingesetzten Mittel (interne Effizienz) helfen zu belegen, dass im Bildungswesen nicht durch Schlendrian oder falsche Verwendung Mittel versickern, die an anderen Orten dringend gebraucht würden. Und gut dokumentierte Kosten-Nutzen-Relationen können belegen, dass der Steuerfranken in der Bildung auch relativ zu anderen Staatsausgaben eine gute Investition darstellt.

Wie viel darf Bildung kosten? Eine transparente und offensiv geführte Diskussion über Kosten und Nutzen im Bildungswesen ist vielleicht das beste Mittel dagegen, dass eines Tages zu wenig in die Bildung investiert wird!

Prof. Dr. Stefan Wolter, Universität Bern


Was unzureichende Bildung kostet und was das für die Bildungsfinanzierung bedeutet

Prof. Dr. Ludger Wössmann, Ludwig-Maximilians-Universität und ifo Institut, München

In der bildungsökonomischen Forschung der letzten Jahre haben sich durch die international vergleichende empirische Analyse einige wichtige Erkenntnisse zum Thema Bildung und Finanzen herauskristallisiert. Ich möchte dazu auf vier Aspekte eingehen: die Folgekosten unzureichender Bildung durch entgangenes Wirtschaftswachstum, den Zusammenhang zwischen Ausgaben und Bildungsqualität, den Lebenszyklus der Bildungsfinanzierung und die Rahmenbedingungen für ein effizientes und gerechtes Bildungssystem. Die Befunde der empirischen Forschung lassen sich in vier Kernthesen zusammenfassen:

1. Unzureichende Bildungsleistungen sind teuer.
Die in internationalen Tests gemessenen Bildungsleistungen sind ein entscheidender Faktor für das langfristige volkswirtschaftliche Wachstum. Bildungsjahre, die nicht mit besseren Ergebnissen einhergehen, haben hingegen keinen Wachstumseffekt. Projektionen, die wir im Rahmen der OECD-Studie «The High Cost of Low Educational Performance» angestellt haben, kommen zu dem Ergebnis, dass die Schweiz langfristig rund 1 Billion Franken an zusätzlichem Bruttoinlandsprodukt erzielen könnte, wenn die Bildungsleistungen auf das Niveau des PISA-Spitzenreiters Finnland gesteigert würden.

2. Mit blossen Ausgabenerhöhungen lassen sich Schülerleistungen kaum verbessern.
Eine umfangreiche Forschungsliteratur kommt nahezu einheitlich zu dem Ergebnis: Innerhalb des heutigen Systems verbessern blosse Klassenverkleinerungen und Ausgabenerhöhungen die Schülerleistungen kaum. So besteht im internationalen Vergleich keinerlei Zusammenhang zwischen dem Ausgabenniveau und den gemessenen Schülerleistungen: Die besten Länder geben nicht systematisch mehr aus. Es fehlt nicht in erster Linie am Geld – wir müssen es anders einsetzen.

3. Die Erträge von Bildungsinvestitionen nehmen im Lebenszyklus tendenziell ab.
Bei der Frage, wie ein anderer Mitteleinsatz konkret aussehen muss, geht es zum einen um die Verteilung der Mittel über die Bildungsstufen. Dabei zeigt sich, dass es einen Lebenszyklus der Bildungsfinanzierung gibt: Die Erträge von Bildungsinvestitionen nehmen mit zunehmendem Alter tendenziell ab. Die höchsten Erträge öffentlicher Investitionen liegen im Bereich der frühkindlichen Bildung für Kinder aus sozial benachteiligten Schichten. Eine Verlagerung der öffentlichen Ausgaben aus späten in frühe Phasen des Bildungslebenszyklus würde die Bildungsfinanzierung deshalb sowohl gerechter als auch effizienter machen.

4. Für eine effiziente Nutzung der Mittel kommt es auf die institutionellen Rahmenbedingungen an.
Zum anderen bedarf es für einen besseren Mitteleinsatz institutioneller Reformen. Die institutionellen Rahmenbedingungen des Bildungssystems müssen Anreize für alle Beteiligten setzen, damit sich ihre Anstrengung für bessere Bildungsergebnisse lohnt. Die wichtigsten Faktoren, die zu einem höheren Niveau der Bildungsleistungen führen, sind Wettbewerb unter den Schulen durch nichtstaatliche Träger, mehr Selbstständigkeit der Schulen und externe Überprüfungen der erzielten Leistungen. Darüber hinaus führen längeres gemeinsames Lernen und ein qualitativ hochwertiges frühkindliches Bildungssystem für alle zu einem gerechteren Bildungssystem.

Prof. Dr. Ludger Wössmann, Professor für Volkswirtschaftslehre, insb. Bildungsökonomik, Ludwig-Maximilians-Universität und ifo Institut, München


Bildung Schweiz: Hohe Qualitätsansprüche bei knappen Mitteln

Prof. Dr. Rudolf Minsch, Economiesuisse

Die Schweizer Wirtschaft ist auf ein hochqualitatives Bildungssystem angewiesen. Damit in unserem Hochlohnland wertschöpfungsintensive Produkte und Dienstleistungen hergestellt werden können, braucht es viel Know-how. Die Qualität des Bildungssystems muss unbedingt hoch bleiben. Dazu folgende vier Thesen:

These 1: «Die Konkurrenz zwischen den verschiedenen Staatsausgaben wird stark zunehmen. Die Bildungsausgaben werden daher kaum stark aufgestockt.»
Die Sozial- und Gesundheitsausgaben steigen seit Jahren stark an und bedrängen andere Ausgabenbereiche. Demografisch bedingt wird sich diese Tendenz noch verstärken. Nicht nur die Bildung, auch andere Ausgabenbereiche (Landwirtschaft, Soziales, Solarenergie, Entwicklungszusammenarbeit) beanspruchen für sich, eine Investition in die Zukunft darzustellen. Der Rechtfertigungsdruck für Bildungsausgaben wird zunehmen.

These 2: «Das Fenster für eine Erhöhung der Ausgaben für den Vorschulbereich ist kurz.»
Eine frühe Förderung der Kinder erhöht die Chancengleichheit markant. Das HarmoS-Konkordat sieht einen zweijährigen Kindergartenbesuch mit entsprechenden Kostenfolgen für einige Kantone vor. Der Anstieg der Schülerzahlen auf der Primarschule ab 2014 macht es bei knappen Finanzen in Zukunft noch schwieriger, diese Kosten durchzusetzen.

These 3: «Die Kompetenzen der Schulabgängerinnen und Schulabgänger genügen den Anforderungen in der Berufswelt oft nicht.»
Bei einer Umfrage von Economiesuisse zeigt sich eine Mehrheit der befragten 771 Lehrmeister und Unternehmen in der Schweiz mit den Kompetenzen der Schulabgängerinnen und -abgänger in den entscheidenden Fächern wie Mathematik und Erstsprache unzufrieden. Nichtkognitive Kompetenzen wie Motivation, Disziplin oder Zuverlässigkeit genügen oft nicht. Offen bleibt aufgrund dieser Umfrage, ob sich die Kompetenzen der Schulabgänger in den letzten Jahren verschlechtert haben und/oder ob die Anforderungen in der Berufswelt angestiegen sind.

These 4: «Da die öffentlichen Finanzen begrenzt sind, gilt es die Qualität der Bildung durch Transparenz und Bildungswettbewerb zwischen den Kantonen zu verbessern.»
Die 26 kantonalen Bildungssysteme brachten der Schweiz bisher keinen spürbaren Zusatznutzen. Die mangelnde Transparenz verunmöglichte einen Vergleich der Ausbildungsleistungen. Nur bei grösserer Transparenz und dem Mut sowie der Neugier, die Schulen ehrlich zu vergleichen, kann ein Nutzen gezogen werden, könnten die Kantone von ihren Stärken und Schwächen lernen. Ein umfassendes Bildungsmonitoring schafft die notwendige Transparenz. Die Tests müssen so konzipiert sein, dass alle getesteten Teilnehmenden einem spezifischen Kompetenzniveau zugeordnet werden können. Es braucht verbindliche Standards für die verschiedenen Leistungsniveaus. Die Forschung muss Zugriff auf alle Daten haben. Der Erkenntniswettbewerb spielt und steigert die Qualität der Ausbildungsleistungen. Das lehrende System wird zu einem lernenden.

Prof. Dr. Rudolf Minsch, Economiesuisse


Wirksamkeit von Bildungsausgaben – ein Tabuthema?

Prof. Dr. Ernst Buschor, Co-Präsident Forum Bildung

Am Anfang jeder Wirksamkeitsanalyse steht die Frage nach dem Begriff und den Messkriterien. Wirksame Bildung muss eine hohe berufliche und soziale Lebenstüchtigkeit für alle zu den günstigsten Kosten erzeugen. Die Schule muss über eine gute Lern- und Schulkultur verfügen sowie das lebenslange Lernen fördern. Die heutige Hirnforschung und internationale Erfahrungen zeigen, dass Kinder für eine optimale Entwicklung früh ein anregungsreiches, vielfältiges Umfeld brauchen. Die frühkindliche Förderung in Verbindung mit einer Grund- oder Basisstufe bildet die idealste Entwicklungsform.

Leider ist diese wichtige erste Lebensphase in der Schweiz sehr schwach entwickelt, was mit ein wichtiger Grund für den relativ hohen Anteil an leistungsschwachen Schülern ist. In der Volksschule weist die Schweiz im internationalen Vergleich relativ hohe Pro-Kopf-Aufwendungen und relativ kleine Klassengrössen auf. Mehr Geld und kleinere Klassen ergeben nur unter bestimmten Bedingungen bessere Leistungen. Das ungenügende Unterrichtsniveau beeinflusst entscheidend die zu tiefe Zahl von Jugendlichen, welche anspruchsvolle technische Berufslehren oder technisch-naturwissenschaftliche Hochschulstudien absolvieren.

Vor allem in der Sekundarstufe sind wir in der Kopfgruppe bezüglich Kosten pro Schüler, weil die ohnehin zu hohe Zahl der Berufe und die 400 Varianten bei der Maturität zu kleinen, teuren Klassen führen, ohne grösseren Unterrichtsnutzen. Bei den Universitäten sind wir in der Performance, aber auch in den Aufwendungen, in der Welt-Spitzengruppe. Die hohe Immigration von tertiär Ausgebildeten in die Schweiz zeigt, dass unsere Förderung in den akademischen und besonders den nicht akademischen Tertiärausbildungen ungenügend ist.

Die Ansprüche an das Bildungssystem verändern sich seit der Nachkriegszeit kontinuierlich. Familienstrukturen werden vielfältiger. Fachliche und soziale Ansprüche an Mitarbeiter/-innen steigen stetig. Lebenslanges Lernen wird entscheidend. Der Bedarf an tertiär Ausgebildeten nimmt zu, derjenige an Berufsleuten bleibt etwa gleich und derjenige an wenig oder Unterqualfizierten nimmt ab. Die Gefahr der Arbeitslosigkeit ist bei gut Ausgebildeten deutlich geringer. Unser Erfolg im globalen Bildungswettbewerb entscheidet massgeblich über unseren künftigen Wohlstand. Frühkindliche Förderung und Schulentwicklung auf allen Stufen bleiben daher wichtig.

Gute Schulen haben bestimmte Merkmale: Sie verfügen über eine hohe Autonomie in der Schulgestaltung und sind von einer Schulleitung geführt. Sie weisen eine hohe Transparenz und ein gutes Qualitätsmanagement auf. Sie machen ihre Schuldaten (nicht individuelle) öffentlich zugänglich und bemühen sich, von den besten zu lernen. Eine solche Innovationskultur muss auch von der Schulverwaltung und Dritten (z.B. Stiftungen) unterstützt werden. Volksschulen sollen bestrebt sein, a l l e Kinder und Jugendlichen so zu fördern, dass sie ihre Begabungen ausschöpfen können. Sie sollen dabei ihre Kosten, ihre Unterrichtsformen und -programme und ihre erzielten kognitiven und überfachlichen Leistungen transparent machen. Dazu braucht es finanzielle und nichtfinanzielle Anreize für die Beteiligten – und die Wertschätzung der Eltern, der Politik und der Öffentlichkeit für Spitzenleistungen.

Prof. Dr. Ernst Buschor, Kopräsident Forum Bildung


Interview mit Bernhard Pulver, Erziehungsdirektor des Kantons Bern

1. Was bedeutet für Sie Leistung?
Leistung ist letztlich Können – und Wollen. Bestimmte Fähigkeiten und Kompetenzen erlernen und entwickeln und auch bereit sein, diese einzusetzen, einen Effort zu leisten, Ausdauer an den Tag zu legen. Wir brauchen in der Schweiz und damit in unserem Bildungssystem Höchstleistungen, um bestehen zu können. Höchstleistungen erreichen wir in erster Linie mit der Motivation und dem Wohlbefinden der Beteiligten: der Schülerinnen und Schüler, der Lehrkräfte, der Eltern. Also mit den Menschen, nicht mit den strukturellen Fragen oder immer neuen Reformen. Wohlbefinden heisst nicht passives Versinken in einen «Liegestuhl», sondern schliesst die richtige Unterstützung von aussen, Anerkennung, Herausforderung, Engagement, Bewegung und Gesundheit mit ein. Keine Skirennfahrerin gewinnt den Weltcup, wenn es ihr in der Saison insgesamt nicht wohl ist.

Das heisst: Bildungspolitik muss ihre Kraft prioritär darauf ausrichten, dass es Schülerinnen und Lehrern in der Schule «wohl» ist. Namentlich heisst dies, dass Schülerinnen und Schüler ganzheitlich und menschlich gefördert werden und Lehrkräfte die richtige Unterstützung und fortschrittliche Arbeitsbedingungen haben.

2. Was braucht es, damit Sie Freude und Spass am Lernen empfinden?
Ich bin ein neugieriger Mensch, und mir macht es immer Freude, interessante und neue Dinge zu erfahren. Entscheidend ist, dass die Person, die andern etwas vermitteln will, selbst engagiert ist.

3. Welches war bisher Ihr grösster Lernerfolg im Leben?
Dass ich jeden Tag in kleinen Schritten mehr Gelassenheit lerne.

4. Welchen Beitrag leistete die Schule auf dem Weg zu Ihrer heutigen Position?
Ohne das Gelernte, das ich aus Volksschule, Gymnasium und Hochschulen im In- und Ausland mitgenommen habe, wäre ich natürlich nie Erziehungsdirektor geworden. Geprägt haben mich auch spannende Gespräche und Diskussionen mit meinen damaligen Lehrpersonen. Nicht zu vergessen ist aber die «Schule des Lebens» – all das, was ich ausserhalb der Schule gelernt habe.

5. Was ist das Wichtigste, was die Schule den heutigen jungen Menschen für ihr Leben mitgeben kann?
Neben dem Fachwissen ist das in erster Linie das Vertrauen: Vertrauen in sich selbst, in die eigenen Fähigkeiten; Vertrauen in die anderen Menschen und in die Gesellschaft. Ohne eine Grundlage des Vertrauens funktioniert soziales Leben nicht.

6. Welches ist Ihr nachhaltigstes Erlebnis aus der Schulzeit?
Die Erfahrung, wie spannend und wohltuend das Erlebnis von neuen Erkenntnissen ist, die ich durch Lernen gewonnen habe.

7. Welches ist Ihr grösster Wunsch an die Zukunft?
Dass möglichst viele Menschen ein glückliches Leben führen können.

8. Wie heisst Ihr Lieblingsbuch?
Da gibt es so viele ... Günter Eichs Hörspiele?

9. Was bedeutet Ihnen Kultur?
Kultur ist für mich Lebenselixier. Kunst und Kultur helfen uns, Distanz vom Alltag zu nehmen, Dinge neu zu betrachten, dem Sinn des Lebens nachzuspüren und – ganz einfach Lebensfreude zu verspüren an Farben, Tönen, Formen, Bewegungen und Begegnungen.



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