Newsletter 6 / Dezember 2010
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EDITORIAL
Liebe Leserinnen und Leser
Bildung ist für die Entwicklung von Gesellschaft und Wirtschaft entscheidend. Die Indikatoren des Bundesamtes für Statistik, der Bildungsbericht 2010 und die internationalen PISA-Schulleistungsstudien weisen darauf hin, dass die Schweiz sich punkto Schulleistungen verbessert hat.
Das Forum Bildung warnt vor einer Bildungsblockade. Die grundsätzlich gute Volksschule in der Schweiz verdient Besseres als Pauschalkritik und einen teilweise verklärten Blick zurück in vermeintlich «gute alte Zeiten». Gefordert ist eine konstruktive, auf Fakten gestützte Bildungsdebatte, die sich an den erweiterten Anforderungen einer veränderten Gesellschaft und Wirtschaft orientiert.
Alles andere schwächt die öffentliche Volksschule und behindert unsere Jugend in der Entwicklung ihrer Lebenschancen. Gleichzeitig schadet dies unserem Land als Wirtschafts- und Bildungsstandort.
Die Schule muss sich weiterentwickeln und den Anspruch jedes Kindes auf eine seinen Fähigkeiten angemessene Förderung ins Zentrum stellen. Die Wirkungen können vielfach erst nach mehreren Jahren beurteilt werden. Eine sorgfältige Begleitung jedes Reformschrittes ist daher notwendig. Um eine konstruktive Bildungsdebatte zu fördern, befassen wir uns in der Folge mit einigen wichtigen Themen.
Wir geben dieser Debatte auf unserer Website Raum und wollen mit öffentlichen Veranstaltungen eine breite Bildungsdiskussion anstossen. Der Auftakt dazu findet am 1. Februar 2011 um 18.00 Uhr im Kunsthaus Zürich statt.
Rainer Huber, Geschäftsführer
Reformen sind notwendig
Reformen sind notwendige Antworten auf Veränderungen von Gesellschaft und Wirtschaft. Wir können im internationalen Wettbewerb der Standorte nur bestehen, wenn wir uns weiterentwickeln. Dieser Weg erfordert Ausdauer und verlangt eine sorgfältige Begleitung.
Reformprojekte werden demokratisch ausgehandelt und unter Mitwirkung der beteiligten Akteure/-innen rechtsstaatlich entschieden. Dabei steuert und koordiniert die Erziehungsdirektorenkonferenz die Vorgaben für eine effiziente und kohärente Entwicklungsarbeit in den Kantonen. Sie basiert auf einem Staatsvertrag (Konkordat) zwischen den Kantonen, der verfassungsrechtlich abgestützt ist. Die kantonalen Parlamente entscheiden mit dem Budget über jeden Franken, den die EDK in Entwicklungsprojekte investiert. Damit unterliegt jede Ausgabe der demokratischen Kontrolle. Ausserdem basiert jede Veränderung auf kantonaler Ebene auf der kantonalen Gesetzgebung.
Unsere Volksschule ist eine der wichtigsten demokratischen Errungenschaften und muss konkurrenzfähig bleiben. So kann sie die Kohärenz unserer Gesellschaft stärken und die Integration fördern. Eine Bildungsblockade in den öffentlichen Schulen führt zur Abwanderung privilegierter Kinder in Privatschulen, weil die öffentliche Volksschule auf dem heutigen Niveau stehen bleibt und geschwächt wird.
In der Diskussion um Reformen verändern Ideologien keine Fakten. So sieht die Behauptung, HarmoS sei ein «Flickenteppich», anders aus. 15 Kantone (entspricht 76,3 % der Bevölkerung) sind HarmoS beigetreten, in 4 Kantonen (10,2 % der Bevölkerung) ist der Beitritt noch offen, in 7 Kantonen (entspricht 13,5 %) wurde der Beitritt abgelehnt.
Unsere Volksschule muss sorgfältig weiterentwickelt werden. Nur so verhindern wir ein Abwandern privilegierter Kinder in private Schulen.
Basis- oder Grundstufe als idealer Schuleinstieg
Am Übergang zwischen Kindergarten und Primarstufe wird gemäss WASA-Studie (2005) am meisten selektioniert, die Grund- oder Basisstufe löst dieses Problem. Der Schulversuch hat die Vorgabe, die gleichen wissensmässigen Leistungen wie am Ende der zweiten Klasse (resp. ersten Klasse bei der Grundstufe) zu erreichen, erfüllt. Es gelang, die Kinder in ihrer ganzen Verschiedenheit beispielhaft zu integrieren sowie sie spielerisch lernen zu lassen, ohne jegliche «Verschulung». Die erwarteten positiven Wechselwirkungen in altersdurchmischten Lerngruppen waren spürbar.
Die wissenschaftlichen Evaluationsberichte zeigen, dass die Lehrpersonen mit einem neuen, für sie bisher unbekannten System, mit einer kurz bemessenen Einführung, Erfolge verbucht haben. Den Kindern blieben erste nachhaltige – durch eine zu frühe Selektion verursachte – Misserfolgserlebnisse mit meist negativen Folgen für die ganze Schulkarriere erspart. Zudem profitierten die Eltern in einer sehr wichtigen Entwicklungsphase von der Beurteilungskraft zweier Lehrpersonen.
Allerdings zeigt die Evaluation auch, dass ein rascher Bruch in den Lernformen vermieden werden muss und eine kontinuierliche Entwicklung der Lernprozesse notwendig ist.
Wir brauchen nicht nur die Basis- oder Grundstufe als Einstiegsmodell, sondern auch Anschlussmodelle, damit die positive Wirkung der neuen Eingangsstufe in der späteren Schulkarriere genutzt werden kann.
«Kinder und Jugendliche brauchen auch in der globalen Welt Chancengerechtigkeit. Gute Bildung ist der Schlüssel dazu.»
Carolina Müller-Möhl Dipl.-Pol. (FU Berlin), Unternehmerin, Präsidium Forum Bildung
Bessere Startbedingungen dank früher Förderung
Die Hirnforschung belegt, dass im frühkindlichen Alter entscheidende Weichen für die spätere Bildungskarriere gestellt werden. Das Mass der wichtigen Sinneserfahrungen ist stark vom sozialen Umfeld abhängig. So entscheidet heute die soziale Herkunft weitgehend über den Schulerfolg. Schulischer Misserfolg ist eine verpasste Chance und eine volkswirtschaftliche Belastung. So weisen der Nobelpreisträger James Heckman und der Bildungsökonom Ludger Wössmann (2010) darauf hin, dass die höchsten Erträge bei Bildungsinvestitionen im Bereich der frühkindlichen Bildung für Kinder aus sozial benachteiligten Schichten liegen.
Viele Eltern sind auf Unterstützungsangebote angewiesen.
Die Öffentlichkeit hat ein Interesse an dieser Förderung, denn wir brauchen alle Talente, und alle Kinder haben das Recht, ihren Möglichkeiten entsprechend gefördert zu werden. Andernfalls entstehen teilweise irreparable Schäden bei Jugendlichen. Wir wollen Eltern vom Nutzen überzeugen und sie in die Förderung einbinden. Eine Erziehung «gegen die Eltern» ist kaum möglich.
Frühe Förderung ist entscheidend für die späteren Bildungs- und Lebenschancen und muss allen zugänglich gemacht werden. Das ist das Ergebnis neuster Hirnforschung.
Nachgefragt bei Prof. Dr. Margrit Stamm
Prof. Dr. Margrit Stamm, Universität Fribourg, Beirätin Forum Bildung
Wie weit beeinflusst eine frühe Förderung den Einstieg in die Schulkarriere und deren Verlauf?
Kinder treten mit sehr unterschiedlichen Kompetenzen in Kindergarten und Schule ein. Diese Unterschiede betreffen sowohl den sozialen, emotional-körperlichen als auch den intellektuellen Bereich. Kinder, welche mit Defiziten starten, brauchen intensive und vor dem Kindergarten einsetzende Förderung. Dies erhöht die Chance für einen guten Schulstart beträchtlich. Trotzdem muss man realistisch bleiben: Chancengleichheit in dem Sinne, dass alle Kinder die gleichen Entwicklungsstände erreichen, kann man nicht erzielen.
Obwohl die frühe Förderung über ein grosses Potenzial verfügt, stellt sich der Erfolg nicht lediglich durch ihre Etablierung ein. Notwendig sind zusätzliche, kontinuierlich flankierende Unterstützungsmassnahmen während der gesamten Schulzeit.
Was weiss man über die Auswirkungen erster schulischer Misserfolgserlebnisse?
Schwierigkeiten im intellektuellen, sozialen oder emotionalen Bereich sind bereits lange vor Schuleintritt wirksam und können in der Regel bis ins Erwachsenenalter vorausgesagt werden. Es gilt somit das Matthäus-Prinzip: «Wer hat, dem wird gegeben.» Wer bei Schuleintritt gute Startchancen hat, wird auch später erfolgreich sein, wem dieser Start weniger gut gelingt, der wird während der ganzen Schullaufbahn mit dem Aufholen beschäftigt sein. Dies ist ein starkes Argument dafür, dass Förderung vor dem Kindergarten einsetzen muss. Hier werden Kinder mit Ressourcen ausgestattet, die vermutlich bedeutsam für den späteren Bildungs- und Lebenserfolg sein werden.
Leistung durch Motivation
Eine Steigerung der Schulleistungen um mehrere PISA-Punkte würde der Schweiz einen grossen volkswirtschaftlichen Nutzen bringen (siehe OECD-Studie 2010). Neben den fachlichen Fähigkeiten bezeichnet die OECD die Fähigkeiten, mit Medien und Sprache umgehen zu können, mit der Vielfalt von Menschen und Gruppen sowie Verantwortung zu übernehmen, als wichtigste Schlüsselqualifikationen in der heutigen Arbeitswelt. Economiesuisse nennt – neben den fachlichen Kompetenzen – Disziplin, Leistung, Achtung, Respekt, Motivation, Flexibilität, Verantwortung, Zuverlässigkeit, Engagement. Soziale Kompetenzen sind Erfolgsfaktoren für die Teilhabe an Gesellschaft und Wirtschaft und kein Zeichen von «Kuschelpädagogik».
Die Schulen müssen alle fördern und fordern.
Schule und Eltern arbeiten zusammen
In jedem kantonalen Volksschulgesetz in diesem Land steht, dass der Auftrag der Schule aus Bildung und Erziehung besteht. Diese beiden Begriffe ergänzen sich und sind nicht trennbar. Die Eltern müssen die Schule respektieren und unterstützen. Das Gleiche gilt umgekehrt für die Schule. Schule und Eltern müssen partnerschaftlich zusammenarbeiten.
Diese Zusammenarbeit ist auch eine zwingende Bringschuld bildungsferner und immigrierter Bevölkerungsteile, ohne die eine harmonische Integration der Kinder in unser Land kaum erreicht werden kann. Die Ansprüche der Lehrbetriebe an die soziale Kompetenz der Auszubildenden zeigen die enge Verknüpfung von Bildung und Erziehung innerhalb der Aufgaben der Schule. Diese Forderung der Wirtschaft verlangt eine professionelle Arbeit der Schule im Bildungs- und Erziehungsbereich.
Schule und Eltern müssen partnerschaftlich zusammenarbeiten. Diese Zusammenarbeit ist auch eine zwingende Bringschuld der Eltern.
Das Kind im Zentrum
Die Förderung jedes Kindes gemäss seinen Fähigkeiten ist zentral für seine Lebenschancen und seine Lebenstüchtigkeit. Die Schülerinnen und Schüler bringen unterschiedliches Vorwissen, unterschiedliche Lernvoraussetzungen und Sinneserfahrungen mit sich. Diese Erkenntnis liegt dem heutigen (konstruktivistischen) Lehr- und Lernverständnis zugrunde. Diese Unterschiedlichkeit muss beim Wissenserwerb berücksichtigt werden.
Die gute Schule holt die Kinder dort ab, wo sie sind. Sie sollen u.a. mit geeigneten Lernstrategien fürs lebenslange Lernen fit gemacht werden. Bei der individuellen Förderung wird der Fokus darauf gelegt, was Jugendliche können und was sie noch brauchen, um ein bestimmtes realistisches Leistungsniveau zu erreichen. Dadurch wird eine Nivellierung nach unten vermieden. Das bedeutet grösstmögliche Förderung aller.
Für die Qualität des Bildungsstands eines Landes ist das Fördern sowohl der Elite als auch der Breite und v.a. der Schwächsten wichtig. Mit der Förderung der leistungsschwachen Kinder werden ihr Armutsrisiko und die Gefahr der späteren Arbeitslosigkeit gesenkt. Ebenso werden die Besten mit angemessenen Herausforderungen individuell gefördert. Wirtschaft und Gesellschaft brauchen Schulabgängerinnen und -abgänger, welche in Kenntnis ihrer Stärken und Schwächen motiviert für weiteres Lernen in die Arbeitswelt oder in weiterführende Schulen übertreten. Dafür tragen Eltern und Schule eine grosse Verantwortung.
Neben der individuellen Förderung z.B. mit selbst gesteuertem Lernen ist das Lernen mit- und voneinander in der Klassengemeinschaft und in der Lerngruppe zentral. Es ist heute bekannt, dass gerade schwache Schüler/-innen in gemischten Gruppen profitieren. Das heutige konstruktivistische Lehr- und Lernverständnis ist kohärent mit den Erkenntnissen der Gehirnforschung. Es ist nicht das Ziel (!), sondern die Voraussetzung für das Lernen. Die Kinder stehen im Zentrum der Bemühungen der Lehrpersonen.
Jedes Kind muss gemäss seinen individuellen Möglichkeiten gefördert werden. Damit wird eine Leistungsnivellierung nach unten vermieden.
Hohe Differenzierung der Sekundarstufe I führt zu Fehlplatzierungen
In der dreiteiligen Oberstufe wird das Leistungspotenzial der Schüler/-innen – das je nach Fach anders aussieht –nicht ausgeschöpft. Moser (2008)* führt aus, dass z.B. im Kanton Zürich die Überschneidungsbereiche zwischen den Abteilungen zwischen 40 und 50 % liegen. Die Erwartung, dass in einer Abteilung die gleichen Leistungen erbracht werden, ist nicht erfüllt.
Wenn Schüler und Schülerinnen in der untersten Abteilung erleben, dass man nicht viel von ihnen erwartet und sie die schlechtesten Chancen haben, eine Lehrstelle zu finden, dann sinkt ihre Motivation. Es besteht die grosse Gefahr, dass sie sich nicht mehr viel zutrauen, sich nicht anstrengen, sich von der Schule abwenden, verhaltensauffällig werden und sich gegenseitig am Lernen hindern (nach Moser 2008). In der untersten Abteilung besteht die grösste Gefahr der Minderleistung und der Etikettierung.
Eine Fehlplatzierung nach der 6. Klasse Primarschule vermindert die Lebens- und Berufschancen für das spätere Leben. Ein Erfolgserlebnis in einem Fach erhöht die Leistungsbereitschaft auch in anderen Fächern und beeinflusst die Grundeinstellung zur Schule und zum lebenslangen Lernen. Für die Erhöhung der Lebenschancen aller Jugendlichen braucht es eine Abkehr von vielgliedrigen Oberstufen.
Die notwendige Erhöhung der Lebenschancen der Jugendlichen fordert eine Abkehr vom Modell der vielgliedrigen Oberstufe. Sie genügt den heutigen Anforderungen nicht mehr.
* Moser, U. (2008). Schulsystemvergleich: Gelingensbedingungen für gute Schulleistungen. Expertise über die Bedeutung von Schulmodellen der Sekundarstufe I für die Entwicklung der Schulleistungen. Bildungsdirektion des Kantons Zürich.
Integration statt Ausgliederung
Die Integration der Schüler/-innen mit besonderem Bildungsbedarf ist eine im Behindertengleichstellungsgesetz demokratisch verankerte Aufgabe an die Schule. Die Förderung gemäss den Fähigkeiten und dem Leistungspotenzial der Kinder steht im Zentrum der Integration.
Zusätzliche sonderpädagogische Ressourcen müssen dabei die Regelschule unterstützen. Ein hohes Mass an schulischer Integration steigert die spätere Integrationsfähigkeit im Erwachsenenleben.
Es ist normal, verschieden zu sein. Werden unterschiedliche Kinder miteinander geschult, werden sie nicht «gleich gemacht». Die Volksschule ist für alle da. An beiden Enden der Leistungsskala wird es immer Schülerinnen und Schüler geben, welche in einer Regelklasse zu kurz kommen und eine besondere Behandlung im Unterricht benötigen, sei es in einzelnen Stunden oder in einer besonderen Klasse.
Integration und nicht Ausgliederung von Kindern mit besonderen Bedürfnissen muss die Regel sein. Wer früh ausgegrenzt wird, kann sich später kaum integrieren.
«Damit das Mögliche entsteht, muss immer wieder das Unmögliche versucht werden.»
Christian Haltner
Managing Director Credit Suisse, Präsidium Forum Bildung
Sprachen öffnen das Tor zur Welt
Sprachen sind staatspolitisch für die kulturelle Identität und die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit unseres Landes wichtig. Das Sprachenkonzept der EDK wurde 2004 verabschiedet und ist in allen Kantonen – in denen ein Urnengang stattfand – von der Bevölkerung gutgeheissen worden. Spätestens ab dem 3. Schuljahr wird die erste und ab dem 5. Schuljahr die zweite Fremdsprache eingeführt (Deutschschweiz: Englisch und Französisch). Ein früher Einstieg in eine fremde Sprache erleichtert ein freudvolles Lernen und fördert die Motivation. In der Sprachkompetenz am Ende der Schulpflicht besteht in der Erstsprache offensichtlich ein Defizit, welches auf ein höheres Niveau korrigiert werden muss.
Frühe Sprachförderung ist richtig und wichtig.
Gut ausgebildete und motivierende Lehrpersonen
Lehrpersonen sind der wichtigste Faktor für eine gute Schule. Für sie sind der pädagogische Handlungs- und Gestaltungsspielraum, die Verantwortungsübernahme sowie die didaktische Kreativität zentral.
Zum heutigen Berufsverständnis der Lehrperson gehören vermehrt auch die kritische Selbstreflexion und die Frage nach der Wirksamkeit des eigenen Unterrichts. Mehr Männer wären in diesem Beruf willkommen – obwohl Studien zeigen, dass Lehrerinnen ihre Arbeit hervorragend machen und Mädchen und Buben gerecht werden. Eine höhere Sicherheit in der Anstellung muss erreicht werden. Die absolute Verknüpfung von Anstellungspensum und erteilten Lektionen muss überprüft werden.
Die Anforderungen an die Schulen steigen weiter. Leistungsfähige Bildungssysteme haben nachweislich geleitete Schulen, die vor Ort über eine erhöhte Autonomie in der Gestaltung ihres Schullebens verfügen. Die Lehrpersonen werden von der operativ führenden Schulleitung unterstützt und entlastet. Es wird für gute Planung, Rahmenbedingungen, Schulkultur und Qualität im Unternehmen Schule gesorgt. Dazu müsse die Auswahl der Schulleitungspersonen sowie ihre Aus- und Weiterbildung noch besser auf die zentralen Aufgaben ausgerichtet werden. Nur so kann in Abstimmung mit der Bildungsverwaltung die Belastung der Lehrpersonen wirklich reduziert werden. Es gilt in allen Bereichen das Wichtige von Überflüssigem und lediglich Wünschbarem zu unterscheiden.
Lehrpersonen sind der wichtigste Faktor für eine gute Schule. Diese Erkenntnis muss der Leitfaden für die Ausgestaltung des Lehrberufs sein.
Nachgefragt bei Prof. Dr. Jürgen Oelkers
Prof. Dr. Jürgen Oelkers, Universität Zürich, Co-Präsident Forum Bildung
Welches Mass an Akademisierung erfordert eine zeitgemässe Lehrpersonenausbildung?
Eine Ausbildung der Lehrkräfte auf der Tertiärstufe und in Hochschulen ist weltweit die Norm. Die pädagogischen Hochschulen in der Schweiz haben mehr Praxisanteile als die früheren Seminare. Die Praxislehrkräfte sind in aller Regel durch die Hochschulen ausgebildet worden und kooperieren eng. Jede Lehrerbildung steht vor dem Problem der Theorie-Praxis-Vermittlung. Die Schweizer Primarlehrerinnen- und Primarlehrerausbildung gilt im Ausland als vorbildlich, weil sie angemessen kurz, effizient und praxisbezogen ist. Probleme, die wir in der Schweiz sehen, hätte man gerne.
Bewährte Ausbildung der Lehrpersonen an pädagogischen Hochschulen mit Potenzial
Die Ausbildung der Lehrkräfte an den Hochschulen hat sich weitgehend bewährt, Schwachstellen sind mittels Evaluationen zu erkennen und zu beheben. Angehende Lehrpersonen verbringen mehr Zeit in der Praxis als in der seminaristischen Ausbildung. Ob eine vorausgehende oder in die Ausbildung eingebettete Assistenzzeit bessere Voraussetzungen bringen würde, ist zu prüfen.
Die Forschung hat einen direkten Praxisbezug und zeigt unter anderem, welche Einflussfaktoren geeignet sind, gute Schulleistungen zu erhalten. Die seminaristische Ausbildung war in ihrer Zeit richtig und angemessen. Die Welt und damit die Anforderungen an die Schule haben sich verändert. Diese höheren Ansprüche an den Lehrberuf, auf evidenzbasiertes Wissen gestützt, erfordern die heutige Ausbildung.
Die dreijährige Ausbildung an den Hochschulen in der Schweiz ist jedoch bescheiden. Länder wie Finnland, Kanada und England bilden ihre Primarlehrpersonen mit einem fünfjährigen Universitätsstudium aus.
Das Modell der pädagogischen Hochschule muss auch in Zukunft im Vordergrund stehen. Es bewährt sich und muss immer weiter entwickelt werden.